Als jemand, der die Musikszene seit Jahren verfolgt, kann ich Ihnen versichern: Nur wenige Bands haben eine so faszinierende und gleichzeitig herausfordernde musikalische Entwicklung durchgemacht wie Bring Me The Horizon. Ihre Reise von den rohen Anfängen im Deathcore bis hin zu den heutigen experimentellen Pop- und Rocksounds ist einzigartig. Genau deshalb ist es so schwierig, sie einem einzelnen Genre zuzuordnen. Dieser Artikel soll Ihnen eine detaillierte Aufschlüsselung ihrer musikalischen Entwicklung bieten, die für jeden Musikfan, der die Komplexität und den Mut dieser Band schätzt, von unschätzbarem Wert sein wird.
Bring Me The Horizon: Eine musikalische Reise durch Deathcore, Metalcore, Pop und experimentelle Sounds
- Bring Me The Horizon startete als prägende Deathcore-Band mit Alben wie Count Your Blessings.
- Die Band entwickelte sich über Suicide Season und There Is a Hell... hin zu einem emotionaleren Metalcore-Sound.
- Mit Sempiternal und dem Keyboarder Jordan Fish etablierte sich ein bahnbrechender elektronischer Metalcore-Stil.
- Ein radikaler Bruch erfolgte mit That's the Spirit und Amo, die die Band in den Alternative- und Pop-Rock-Mainstream führten.
- Die aktuelle "Post Human"-Ära fusioniert Elemente aller früheren Phasen mit Nu-Metal, Hyperpop und elektronischen Klängen.
- Die ständigen Genre-Wechsel sind das Markenzeichen der Band, führten aber auch zu Kontroversen unter den Fans.
Mehr als nur ein Genre: Warum die Musik von Bring Me The Horizon so schwer zu fassen ist
Die Musik von Bring Me The Horizon ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine Band sich über die Jahre hinweg neu erfinden kann. Es ist schlichtweg unmöglich, sie in eine einzige Schublade zu stecken. Ihre Fähigkeit, drastische Stilwechsel zu vollziehen und dabei doch ihren Kern beizubehalten, macht sie zu einem der faszinierendsten Phänomene in der modernen Rockmusik. Als Beobachter dieser Szene kann ich nur staunen, wie sie es immer wieder schaffen, Erwartungen zu unterlaufen und neue Wege zu beschreiten.
Vom Deathcore-Phänomen zur globalen Rockgröße
Von ihren bescheidenen Anfängen in Sheffield, wo sie sich schnell einen Namen in der aufstrebenden Deathcore-Szene machten, bis zu ihrem heutigen Status als globale Rockgröße hat Bring Me The Horizon eine enorme Transformation durchlaufen. Diese Reise ist nicht nur eine Geschichte musikalischer Entwicklung, sondern auch ein Zeugnis ihres unermüdlichen Drangs, sich künstlerisch weiterzuentwickeln und Grenzen zu sprengen. Ich habe selten eine Band gesehen, die so konsequent ihren eigenen Weg geht, selbst wenn das bedeutet, alte Fans vor den Kopf zu stoßen.
Eine Band im ständigen Wandel: Die musikalische Evolution im Überblick
- Deathcore: Die rohen, aggressiven Anfänge mit tiefen Growls und Blast-Beats.
- Metalcore: Eine Entwicklung hin zu mehr Struktur, Melodie und emotionaler Tiefe.
- Elektronischer Metalcore: Die bahnbrechende Integration von Synthesizern und atmosphärischen Klängen.
- Alternative/Pop Rock: Ein radikaler Schritt in den Mainstream mit eingängigeren Melodien und cleanem Gesang.
- Genre-Fusion ("Post Human"-Ära): Eine eklektische Mischung aus allen bisherigen Phasen, angereichert mit Nu-Metal, Hyperpop und experimentellen Sounds.
Die frühen Jahre (2006-2007): Als BMTH den Deathcore neu definierten
In ihren Anfangstagen, insbesondere mit dem Debütalbum Count Your Blessings, definierte Bring Me The Horizon den Deathcore für eine neue Generation. Der Sound war unverkennbar: tiefe, gutturale Growls von Oli Sykes, rasante Blast-Beats und stark verzerrte, tiefer gestimmte Gitarren-Riffs, die eine Wand aus Aggression bildeten. In der MySpace-Ära wurden sie schnell zu Ikonen der "Scene-Kultur" und trugen maßgeblich dazu bei, dieses extreme Genre einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie dieser Sound damals einschlug er war roh, kompromisslos und genau das, was viele junge Hörer suchten.
Der Wendepunkt (2008-2011): Wie "Suicide Season" alles veränderte
Mit Suicide Season im Jahr 2008 vollzog die Band einen deutlichen Stilwechsel hin zum Metalcore. Dieser Schritt war ein kreativer und kommerzieller Wendepunkt, der zeigte, dass Bring Me The Horizon nicht gewillt war, in einem Genre stecken zu bleiben. Die Songs wurden strukturierter, die Produktion ausgefeilter, und obwohl die Härte noch immer präsent war, zeichnete sich bereits eine Entwicklung ab, die ich als mutig und zukunftsweisend empfand.
Zwei Jahre später, mit There Is a Hell, Believe Me I've Seen It. There Is a Heaven, Let's Keep It a Secret., verfeinerten sie diesen Metalcore-Sound weiter. Hier integrierten sie erstmals orchestrale und elektronische Elemente, was die Musik experimenteller und vielschichtiger machte. Die Texte wurden persönlicher, spiegelten innere Konflikte wider, und die Songstrukturen wurden komplexer. Für mich war das der Moment, in dem klar wurde: Diese Band hat mehr zu bieten als nur pure Aggression.
Der Meisterstreich (2013): Warum "Sempiternal" als Meilenstein gilt
Sempiternal ist für mich persönlich und für viele in der Szene ein absoluter Meilenstein und eines der einflussreichsten Metalcore-Alben seiner Generation. Der entscheidende Einfluss des neu hinzugekommenen Keyboarders Jordan Fish kann nicht hoch genug eingeschätzt werden: Elektronische Elemente, Synthesizer und atmosphärische Klanglandschaften wurden zu einem zentralen und unverzichtbaren Bestandteil des Sounds. Das Album verschmolz Metalcore mit Alternative Metal, Post-Hardcore und Electronicore zu einer einzigartigen Mischung. Oli Sykes' Gesang entwickelte sich enorm, er nutzte nun melodischere und variablere Formen, ohne seine charakteristische Intensität zu verlieren. Es war eine perfekte Symbiose aus Härte, Emotion und Innovation.
Analyse der Hits: "Can You Feel My Heart" und "Shadow Moses" als Blaupause für modernen Metalcore
Songs wie "Can You Feel My Heart" und "Shadow Moses" sind prägnante Beispiele für den bahnbrechenden Sempiternal-Sound. Sie perfektionierten die Verschmelzung von harten Riffs, elektronischen Atmosphären und melodischem Gesang und wurden zu einer Blaupause für modernen Metalcore.
Der Linkin Park-Vergleich: Berechtigt oder zu kurz gegriffen?
Der Vergleich mit Linkin Park, der oft gezogen wird, ist meiner Meinung nach nicht ganz unberechtigt, besonders im Hinblick auf die Integration von Härte und Elektronik sowie die Entwicklung des Gesangs von Oli Sykes. Beide Bands schafften es, diese Elemente zu einer zugänglichen, aber kraftvollen Form zu verschmelzen und ein breites Publikum anzusprechen. Wo der Vergleich jedoch zu kurz greift, ist die einzigartige und oft radikalere musikalische Reise, die Bring Me The Horizon eingeschlagen hat. Sie haben sich immer wieder neu erfunden, während Linkin Park, bei aller Entwicklung, ihren Kernsound stärker beibehalten haben.
Der Bruch mit der Vergangenheit (2015-2019): Der Weg in den Mainstream
Mit That's the Spirit im Jahr 2015 vollzog Bring Me The Horizon einen radikalen Stilbruch. Das Album orientierte sich stark an Alternative Rock, Arena Rock und Pop Rock, mit eingängigeren, radiotauglicheren Songs und fast ausschließlich cleanem Gesang. Die Härte der früheren Tage wich einer breiteren, massentauglicheren Klangästhetik, die der Band einen enormen kommerziellen Erfolg bescherte und sie in den Mainstream katapultierte. Ich sah dies als einen mutigen, wenn auch riskanten Schritt, der sich jedoch auszahlte.
Amo (2019) führte diesen Weg noch weiter und umfasste Genres wie Pop-Rock, Electronic Rock, Synth-Pop sowie Elemente aus EDM und Hip-Hop. Das Album, das sich thematisch um Liebe in all ihren Facetten drehte, war kommerziell sehr erfolgreich, polarisierte aber die ältere Fanbasis. Für viele langjährige Hörer war dies ein Schock, für andere wiederum der Beweis für die unaufhörliche Kreativität der Band.
Sellout oder künstlerische Freiheit? Die Kontroverse um den neuen Stil
Die stilistischen Veränderungen, insbesondere nach That's the Spirit und Amo, führten zu einer heftigen Kontroverse. Während einige langjährige Fans der Band "Sellout" vorwarfen und sich von ihren Wurzeln abgewandt sahen, lobten viele Kritiker die musikalische Entwicklung und den Mut zur Veränderung. Ich persönlich sehe es als künstlerische Freiheit. Eine Band, die sich nicht weiterentwickelt, stagniert. Bring Me The Horizon hat bewiesen, dass sie bereit ist, Risiken einzugehen, um neue musikalische Territorien zu erkunden.
Die "Post Human"-Saga (seit 2020): Die Fusion aller Epochen?
Mit der *Post Human*-Reihe, die 2020 mit Post Human: Survival Horror begann, kehrte die Band zu einem härteren Sound zurück, der jedoch eine faszinierende Fusion aller bisherigen Phasen darstellt. Survival Horror kombinierte Metalcore- und Nu-Metal-Einflüsse mit industriellen und elektronischen Elementen, was ein düsteres und doch energiegeladenes Klangbild erzeugte. Es war, als ob sie die Aggression der frühen Tage mit der Raffinesse der mittleren Ära und der Experimentierfreudigkeit der Pop-Phase verschmolzen.
Post Human: Nex Gen, das 2024 folgte, setzt diesen eklektischen Ansatz fort und mischt Hyperpop, Alternative Metal und Trancecore. Der Sound ist extrem vielschichtig, kontrastreich und nutzt elektronische Effekte und Breakdowns exzessiv. Für mich stellt diese Phase den Höhepunkt ihrer Experimentierfreudigkeit und Vielseitigkeit dar. Es ist ein Beweis dafür, dass Bring Me The Horizon nicht nur ein Chamäleon ist, sondern ein Architekt, der aus verschiedenen Stilen ein kohärentes und doch ständig überraschendes Ganzes schafft.
Kollaborationen als Stilmittel: Von Yungblud bis Babymetal
Die Bedeutung von Kollaborationen in der *Post Human*-Ära kann nicht unterschätzt werden. Sie sind ein bewusstes Stilmittel, das den Sound der Band zusätzlich diversifiziert und ihre Offenheit für verschiedene musikalische Einflüsse unterstreicht. Beispiele wie die Zusammenarbeit mit Yungblud, Babymetal oder Amy Lee von Evanescence zeigen, wie Bring Me The Horizon Brücken zwischen verschiedenen Genres und Künstlerwelten baut. Diese Partnerschaften sind nicht nur Gimmicks, sondern tragen maßgeblich zur klanglichen Tiefe und Breite ihrer aktuellen Musik bei.
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Fazit: Gibt es eine Antwort auf die Genre-Frage?
Am Ende dieser Reise durch die musikalische Evolution von Bring Me The Horizon wird eines klar: Es gibt keine einzelne Antwort auf die Genre-Frage. Ihr "Genre-Hopping" ist nicht nur eine Phase, sondern ihre künstlerische DNA. Sie haben sich immer wieder neu erfunden, sind Risiken eingegangen und haben dabei eine einzigartige Position als "Chamäleon der Rockmusik" eingenommen. Für mich ist das der größte Beweis für ihre künstlerische Integrität und ihren unermüdlichen Drang, sich selbst herauszufordern und ihre Hörer immer wieder zu überraschen.
